Allergiepotenzial im Institut

Allergiepotenzial im Institut

Endstation Allergie?

Die Hände jucken und brennen. Der Niesreiz will einfach nicht enden, obwohl die Grippewelle längst vorbei ist. Im Urlaub bessern sich plötzlich die Beschwerden. Liegt es an der Entspannung? Oder ist die Kosmetikerin allergisch auf Stoffe aus ihrem Arbeitsumfeld?

Es ist eine Horrorvorstellung: seinen geliebten Beruf aus gesundheitlichen Gründen eines Tages nicht mehr ausüben zu können. Die Zahl der beruflich bedingten Allergien ist in den vergangenen 25 Jahren deutlich gestiegen. Wer betroffen ist, der leidet – nicht nur aufgrund seiner Beschwerden, auch Existenz- und Zukunftsängste gesellen sich dazu. Wer als Kosmetikerin das Gefühl hat, auf Stoffe aus dem direkten Arbeitsumfeld allergisch zu reagieren, sollte Ursachenforschung betreiben; am besten mittels einer individuellen Befindlichkeitsbuchführung und der Hilfe eines Dermatologen.

Allergietypen
Mehr als 20.000 Allergene schwirren durch die Luft oder gelangen über zahlreiche Produkte auf die Haut. Normalerweise macht das dem Körper nichts aus. Doch manchmal kippt der eigene Immunschutz – es kommt zu allergischen Reaktionen. Reagiert der Körper auf verschiedene Stoffe, stuft das Immunsystem diese als fremd oder gefährlich ein, obwohl sie es nicht sind. Er bildet Antikörper, beispielsweise gegen Nagellack, Desinfektionsmittel oder einen Duftstoff in der Ge sichtsmaske, die während Behandlungen täglich zum Einsatz kommt. Bei einer Sofortallergie kommt es zu Beschwerden wie Nesselsucht, Heuschnupfen oder Asthma. Dabei bildet das Immunsystem durch Kontakt mit dem potenziellen Allergen den Eiweissstoff IgE (Immunglobulin E), der die Allergie sofort auslöst. Hier ist die Erstdiagnose leicht zu stellen: Setzt die Kosmetikerin beispielsweise eine andere Maske oder ein neues Desinfektionsmittel ein, können Beschwerden ausbleiben. Mit Hilfe einer Blutuntersuchung auf IgE-Antikörper beim Dermatologen lässt sich die Vermutung bestätigen. Von nun an sollte sie auslösende Stoffe gänzlich vermeiden. Eine andere Allergieform ist die bei Kosmetikerinnen häufiger auftretende Kontaktallergie. 90 bis 95 Prozent der Beschwerden gehen auf das Konto von Kontaktekzemen. Typische Anzeichen sind:
·         juckende, brennende Hautausschläge
·         eine Rötung und Schwellung der Haut
·         Spannungsgefühle
·         eine Hautverdickung
·         Krusten und Risse
·         Bläschen sowie
·         schuppende Areale.

Hier reagiert das Immunsystem nicht mit Eiweissstoffen, sondern bildet Abwehrzellen, beispielsweise gegen Nickel, Parfum oder Latexhandschuhe. Die Crux bei der Sache ist: Hautreaktionen zeigen sich meist erst nach etwa 48 Stunden. Das kann oft zu einer Fehldiagnose führen. Ein Allergietest beim Dermatologen bringt Aufklärung.

Tipps zur Ursachenforschung
Um Symptome zu bekämpfen, gilt es, Ursachen von Hautveränderungen zu entlarven. Hier kann eine detaillierte Anamnese helfen. Die Kosmetikerin sollte überlegen, mit welchen Stoffen und Stäuben – beispielsweise bei der Nagelmodellage oder Pediküre – regelmässiger Kontakt besteht. Gibt es neue Substanzen in verwendeten Pflegelinien, bei Putz- und Desinfektionsmitteln? Oder verwenden Sie eine neue Kosmetik, einen neuen Nagellack oder andere Wasch- und Putzmittel als sonst? Wann treten die Beschwerden auf der Haut oder in den Atemwegen meistens auf? Bessert sich die Befindlichkeit nach Feierabend, an Wochenenden oder im Urlaub? Aus welchem Material bestehen die Handschuhe, die Sie bei der Arbeit tragen? Wie häufig ist der Kontakt mit Wasser und welche Handcreme benutzen Sie im Anschluss? Besteht eine tendenziell höhere Allergiebereitschaft beispielsweise aufgrund einer Vorbelastung? Eine allergische Reaktion bedeutet nicht automatisch das Ende der Arbeit als Kosmetikerin. Wer allerdings vor der Entscheidung steht, den schönen Beruf der Kosmetikerin für sich zu entdecken, sollte vorab prüfen, ob ein Allergiepotenzial besteht. Wer unter Heuschnupfen oder anderen allergischen Reaktionen leidet, kann auf Dauer – mit tränenden Augen, laufender Nase und Niesreiz – nur schwer eine gute Kosmetikbehandlung an Kunden durchführen.

Im Interview erklärt der Münchner Dermatologe und Allergologe Dr. Christoph Liebich, was die ersten Anzeichen für eine Allergie sind, welche Inhaltsstoffe häufig Hautreaktionen verursachen und wie sich die Kosmetikerin davor schützen kann.

Interview mit Dr. Christoph Liebich, Dermatologe und Allergologe

Herr Dr. Liebich, welche Stoffe können bei Kosmetikerinnen zu Allergien führen?
Im Grunde können alle Stoffe, mit denen sie tagtäglich zu tun hat, die Ursache sein. Dazu gehören beispielsweise Wimpernfärbemittel, Cremes, Masken, Öle, Reinigungsmittel, Mundschutz, Gummihandschuhe und Desinfektionsmittel. Auch Stoffe, die sie einatmet – zum Beispiel beim Abfeilen künstlicher Nägel, Entfernen von Nagellack oder während der Fusspflegebehandlung –, können eine allergische Reaktion auslösen.

Welche Inhaltsstoffe verursachen häufig Hautreaktionen?
Ganz typisch und häufig zeigt sich eine Latexallergie auf Handschuhe. Auch Inhaltsstoffe in Wasch- und Desinfektionsmitteln oder Reinigern machen Personen dieser Berufsgruppe zu schaffen. Meist kommt dazu noch der häufige Kontakt mit Wasser, was bestehende Hautreaktionen weiter begünstigen kann.

Was sind die ersten Anzeichen?
In der Praxis zeigen sich häufig Handekzeme in unterschiedlich starker Ausprägung.
Damit einher gehen auch Hautveränderungen an den Armen oder im Gesicht, wenn dorthin gefasst wird. Juckt das Ekzem, können sich Symptome ausbreiten. Kratzen ist keine Lösung und für Betroffene im Grunde nur eine Beschwerdelinderung von minimaler Dauer.

Gibt es Alternativen beispielsweise zu Gummihandschuhen und Co?
Ja, die gibt es. Bewährt haben sich beispielsweise Handschuhe aus der Tube. Beim Auftragen trocknen sie und bilden einen guten Schutzfilm auf der Haut. Sie sind angenehm und werden gut vertragen. Wer diese nicht zur Verfügung hat, wählt ganz dünne Baumwollhandschuhe. Alternativ können sie auch unter Latexhandschuhen getragen werden. Dann die Überhandschuhe, also die aus Latex, eine Nummer grösser wählen, damit Hände und Finger beweglich bleiben.

Konventionelle Kosmetik versus Naturkosmetik – wo verbirgt sich das grössere Allergiepotenzial?
Aus meiner Erfahrung heraus kann ich ganz klar sagen: bei Naturkosmetik. Sie beinhaltet häufig eine grössere Menge an Pflanzenauszügen oder ätherischen Ölen. Diese können bei empfindlichen Personen zu Kontaktallergien beitragen. Bei konventioneller Kosmetik ist dieses Phänomen nicht so stark ausgeprägt. Doch auch hier kann es zu allergischen Reaktionen kommen, beispielsweise über Duft- und Aromastoffe.

Wie kann sich die Kosmetikerin vor Allergien schützen?
Für alle Kosmetikerinnen gilt, gut und sorgfältig auf die eigene Pflege und Hygiene zu achten. Die Haut sollte nicht zu trocken werden, insbesondere an den Händen. Denn Wasser und Desinfektionsmittel trocknen zusätzlich aus. Empfehlenswert ist es, beispielsweise nach dem Händewaschen diese mit passender Creme zu versorgen. Menschen mit beispielsweise einer Pollenallergie reagieren generell oft empfindlicher auf zahlreiche Stoffe an ihrem Arbeitsplatz. Wer bereits eine oder mehrere Kontaktallergien hat, sollte nicht unbedingt den Beruf der Kosmetikerin wählen. Denn eine echte Allergie verschwindet leider nicht, auch wenn es Phasen mit geringen oder keinen Beschwerden gibt.

Sollte eine Kosmetikerin bei einer manifesten Allergie umschulen?
So hart und schwer es ist, leider ja.

Die Fragen stellte Kirsten Metternich.

Kirsten Metternich | ist als freie Journalistin und Gesundheitsexpertin tätig. Zahlreiche Bücher aus den Bereichen Gesundheit, Diabetes und Fitness stammen aus
ihrer Feder. Sie arbeitet für Verlage, Agenturen, Unternehmen und TV-Sender und bietet Schulungen für Laien- und Fachpublikum an

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