Filter, Lichtschutzfaktor und Sonnenschutzpräparate

Bestens geschützt
Sonnencreme ist nicht gleich Sonnencreme. Filter gibt es unzählige und nicht alle sind gleich effektiv. Während die Produktion von Sonnenfiltern rasant zunimmt, wird die endokrine Wirksamkeit einiger Filter diskutiert. Dr. Hans Lautenschläger gibt einen Überblick über den Stand der Technik und erklärt, wie man sich am besten vor der Sonnenstrahlung schützt.
Viele Menschen arbeiten Tag für Tag hinter Glas und entwickeln keine Pigmentierung. Die Tyrosinase, das Enzym, das für die Melaninbildung zuständig ist, bleibt untätig. „Büromenschen“ erkennt man auch daran, dass sie nach dem Urlaub Melanin schnell wieder abbauen. In geschlossenen Räumen kommt offensichtlich kein UV-B-Licht (315–280 nm, langwelliges UV) an. Fensterglas lässt lediglich einen Rest an UV-A-Strahlung (380– 315 nm, kurzwelliges UV) oberhalb einer Wellenlänge von 320 nm durch. In der Regel ist der Einfallswinkel der Sonnenstrahlung in die Räume hinein im Sommer so klein, dass die Strahlung – ausser in unmittelbarer Fensternähe oder im Auto – keine Chance hat. Im Winter ist der Einfallswinkel zwar gross, die Intensität und Energie aber äusserst gering. Was veranlasst uns also, in Tagescremes UV-Filter einzubauen? Eigentlich gibt es keinen Grund, sie standardmässig damit auszustatten, nur weil man sich im Sommer gelegentlich einige Minuten der Sonne aussetzt. Die Angst, dass geringe Strahlendosen die vorzeitige Hautalterung in Gang setzen, ist völlig unbegründet. Laut einer Untersuchung der Eidgenössischen Ernährungskommision (EEK) weisen 50 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer einen deutlichen Vitamin-D-Mangel auf. Vitamin D3 (Cholecalciferol) ist ein ausgewiesener Schutzfaktor gegen unterschiedliche Krebsarten inklusive Hautkrebs und wird vor allem unter dem Einfluss des Sonnenlichts gebildet.
Kein Rundum-sorglos-Paket
Einige UV-Filter stehen im Verdacht, endokrine Nebenwirkungen aufzuweisen, d.h. hormonell wirksam zu sein. Dabei handelt es sich beispielsweise um Ethylhexyl Methoxycinnamate, um Butyl Methoxydibenzoylmethane, um Octocrylene, um 4-Methylbenzylidene Camphor und um einige Benzophenone. Inwieweit der Verdacht im Einzelfall tatsächlich relevant ist, ist auch unter Fachleuten heftig umstritten. Das bisherige
Datenmaterial basiert meist auf In-vitro-Tests und Studien an Tieren, die speziell konditioniert sind. Fest steht aber, dass UV-Filter gelegentlich Photosensibilisierungen,
allergene und irritative Wirkungen auslösen können. Dies hängt mit der Tatsache zusammen, dass ihre organisch-chemischen Strukturen ausgedehnte π-Elektronensysteme in Form aromatischer Kohlenstoff- und Stickstoffverbindungen enthalten, die notwendig sind, um die hochenergetische Strahlung (Photonen) der Sonne zu absorbieren und in
Wärme umwandeln zu können. Dabei arbeiten nicht alle Filter gleich effektiv. Wenn die Zeit zwischen Strahlungsaufnahme und Wärmeabgabe länger dauert, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass statt Wärme reaktive Radikale entstehen. Deren Lebensdauer
hängt wiederum ganz entscheidend von der Umgebung (Creme- und Hautbestandteile) ab. Während etwa das anorganische Titandioxid unter ungünstigen Umständen freie Elektronen erzeugen kann, die beispielsweise mit Wasser und Sauerstoff zu Radikalen weiterreagieren, sind manche organischen Filter chemisch instabil; sie werden in der Creme oder bei Lichtbelastung langsam abgebaut. Mit anderen Worten: Organische und anorganische UV-Filter alleine bieten kein Rundum-sorglos-Paket. Einige Filter werden gern mit Antioxidantien (Radikalfänger) kombiniert. Man sollte sich anhand der INCIDeklaration informieren, um welche es sich handelt. Das preiswerte antioxidative Butylhydroxytoluol (BHT) etwa führt bei entsprechender Disposition zu Allergien.
Randbedingungen
Gezielt angewandt sind UV-Filter und Sonnenschutzprodukte zweifellos ein Segen. Sie müssen neben dem UV-B-Schutz auch den UV-A-Schutz gewährleisten, und zwar zu mindestens einem Drittel des angegebenen UV-B-Lichtschutzfaktors. Dann darf das UV-ASymbol („UVA“ in rundem Kreis) auf dem Etikett des Präparates angebracht werden. Darüber hinaus muss der Hersteller davor warnen, dass Säuglinge und Kleinkinder nicht direktem Sonnenlicht auszusetzen sind. Wichtig ist ein weiterer obligatorischer Hinweis, der die starke Belastung der Haut durch die unvermeidbare Infrarotstrahlung (IR-Strahlung) beschreibt und eine entsprechende massvolle Exposition anmahnt. Denn IR-Strahlung
liefert einen hohen Beitrag zur vorzeitigen Hautalterung, unter der vor allem die Kollagenstrukturen leiden.
Lichtschutzfaktor
Der auf den Sonnenpräparaten angegebene Lichtschutzfaktor (LSF) wird mit der Eigenschutzzeit multipliziert. Das Resultat gibt die Zeit an, die man eingecremt im Freien zubringen kann. Bei einer Eigenschutzzeit von 5 Min. unter den örtlichen Bedingungen und einem Präparat mit LSF 15 beträgt die maximal mögliche Aufenthaltsdauer in der Sonne 5 x 15 = 75 Minuten. Damit auch wirklich der gewünschte Lichtschutz erreicht wird, muss gemäss COLIPA-Empfehlung (bis 2012 Name des Dachverbandes der europäischen Kosmetikindustrie) ein durchschnittlicher Erwachsener 2 mg/cm2 Haut oder rund sechs Teelöffel (etwa 36 g) Sonnencreme für den ganzen Körper verwenden. Darüber hinaus muss das Präparat gut eingezogen sein, bevor man in die Sonne geht.
Präparate und Zusammensetzung
Lichtschutzpräparate werden als O/W- oder W/OEmulsionen in Creme- und Milchform oder wasserfrei als Öle (flüssig) und Oleogele (halbfest) vertrieben. Nachdem die Kosmetikverordnung eine wesentlich komplexere Sicherheitsbewertung für biologisch nicht
abbaubare Nanopartikel unter 100 nm fordert, haben sich viele Hersteller entschlossen, beim Titandioxid wieder auf grössere Partikel auszuweichen. Da die mittlere Teilchengrösse wesentlich grösser sein muss als bisher, um nicht mit den kleinsten Partikeln der Teilchenverteilung in den Bereich < 100 nm zu kommen, ist unter Umständen mit sensorischen Konsequenzen zu rechnen. Pigmente eines Make-ups, das über der Sonnenschutzformulierung angewandt wird, tragen meist zusätzlich zum Schutz bei. Die Faktoren bewegen sich je nach Zusammensetzung etwa zwischen 1 und 4. Eisenpigmente aus direkt aufgetragenem Make-up oder Eisenspuren aus der Umwelt (Staub) dagegen wirken sich nachteilig aus, da sie zusammen mit dem UV-Licht Radikale erzeugen. Dies ist der Grund dafür, dass sich in vielen Sonnenschutzmitteln Komplexbildner wie EDTA (Ethylendiamintetraacetat) befinden. EDTA gilt als schwer abbaubar und komplexiert in der
Haut auch essenzielle Spurenelemente wie Kupfer. Leider sind in Sonnenprodukten immer
noch Ethoxylate und Polyethylenglykole (PEG) als Emulgatoren und Konsistenzgeber zu finden. Sie müssen mit Antioxidantien und Komplexbildnern stabilisiert werden, da sie sonst sehr aggressive Etherperoxide bilden, die als Auslöser der Mallorca-Akne (Sommerakne) gelten. Personen mit sehr empfindlicher Haut sollten diese Zusammensetzungen ebenso wie Produkte mit Duftstoffen meiden. Die Terpenstrukturen der Duftstoffe bilden in der Sonne allergene Reaktionsprodukte. Ein anderes Thema sind ungesättigte Verbindungen, die sich chemisch durch Doppelbindungen auszeichnen. Sie gehören nicht in Sonnenschutzpräparate. Dies gilt auch für wertvolle essenzielle Fettsäuren, die etwa in Pflanzenölen enthalten sind. Sie werden durch den UV-aktivierten Luftsauerstoff angegriffen und bilden aggressive Peroxide. Wenn man Omega-3- und Omega-6-Säure enthaltende Öle im Sommer allerdings erst abends appliziert, besteht diesbezüglich keine Gefahr. Sie entfalten dann eine starke entzündungshemmende Wirkung – auch bei einem Sonnenerythem. Eine gute Ergänzung zum Sonnenschutz sind Komponenten wie Aminosäuren und Harnstoff, die den natürlichen Natural Moistzrizing Factor (NMF; natürlicher Feuchtehaltefaktor) unterstützen und gleichzeitig unerwünschte Radikale aus der Umwelt abfangen.
Dr. Hans Lautenschläger │ Promovierter Chemiker und geschäftsführender Gesellschafter der Koko Kosmetikvertrieb GmbH & Co. KG, Leichlingen. www.dermaviduals.de